Wie an Landwirten vorbeigeplant wird

Veröffentlicht am 08.08.2020 in Kommunalpolitik

SPD tritt wegen Bebauungsplan in Dialog mit Landwirt-Familie Koch

Am Montag stimmte die Mehrheit des Gemeinderats für den neuen Bebauungsplan, nach dem neue Fläche für die Erweiterung der Wohngebiete erschlossen werden soll. Hier geht es auch um Flächen, die um das Neubaugebiet Hinterweiden und Solweg entstehen sollen – zum Nachteil einiger Landwirte. Die SPD trat mit Familie Koch, Besitzer des Löhlebühlhofes, in Dialog, um neben allgemeinen Problemen der Landwirtschaft auch über den Flächennutzungsplan zu sprechen, gegen den die SPD im Gemeinderat gestimmt hat, weil er für Landwirte wie die Kochs in seiner jetzigen Form zum Nachteil ist oder auch beispielsweise im künftigen Schulzentrum für noch mehr Verkehrsbelastung sorgen würde. Die Gemeinderäte Vatche Kayfedjian und Dieter Görlich sowie weitere Mitglieder besuchten den Hof.

„1957 sind wir ausgesiedelt aus Trossingen, jetzt werden wir wieder eingesiedelt“, brachte es Andreas Koch auf den Punkt. Das Mehrgenerationenunternehmen – aktiv mit dabei auch seine Eltern Hans und Annemarie Koch sowie sein Bruder – war bis 1957 in der Bismarckstraße, dort, wo jetzt das neue Bismarck-Haus steht. Weil Trossingen wachsen soll, sollen die Versorger weichen – Ackerland und Wiesen müssen Neubauten weichen. Zwar muss die Stadt eigentlich einen Ersatz als Ausgleich liefern, doch: „Wo soll dieser Ausgleich sein“, fragten die Kochs in Hinblick auf immer weniger zur Verfügung stehendes Land. Baue man nur dreimal weiter, sei Trossingen schon an der Gemarkung Deißlingen angelangt. Eine Abwägungssache, findet auch die SPD: „Wie weit soll Trossingen denn noch wachsen?“, stellte Dieter Görlich die Frage in den Raum. Andreas Koch hat recherchiert: Im Landesschnitt sei Baden-Württemberg mit gut 300 Einwohner pro Quadratkilometer besiedelt – Trossingen mit circa 700 Einwohnern pro Quadratkilometer mehr als doppelt so dicht besiedelt. „Irgendwo muss auch mal Schluss sein.“ Wachstum müsse nun mal auch enden, zumal nach Görlichs Beobachtung Trossingen eine „Schlafstadt“ sei: Pendlermassen fahren morgens hinaus, kommen abends wieder. „Eher sollte man das Gewerbe fördern“, sind sich Kayfedjian und Görlich einig. Doch stattdessen müssen Landwirte als Unternehmer um ihre Existenz bangen: Auf Nordfeld gingen einst 45 Hektar verloren. „Geht ein gewisser Prozentsatz der Gesamtfläche eines Landwirts verloren, muss ein Ersatz her, ansonsten ist die Existenz gefährdet“, so die Kochs, die nicht nur am Verlust leiden, sondern auch Konflikte befürchten: „Am Ende würden sich die Leute, paradoxerweise, über Gestank beschweren“, so die Sorge. Zurecht stellt dies die Attraktivität des neuen Baugebiets infrage. Als kleiner Hof mit 150 Milchkühen fühlen sich die Kochs überrumpelt und nicht ausreichend berücksichtigt – „schon viel früher hätten sie als betroffener Akteur unter den Bürgern miteinbezogen werden müssen“, ist Kayfedjian der Meinung. Andreas Koch nannte ein weiteres Problem zur Biodiversität, die auch dringend nötig ist: „Da werden Wiesen und Felder plattgemacht und es folgen Neubauten, die gerade mal einen Steingarten haben.“ Mit den Eindrücken und Impulsen der Familie Koch sind die Gemeinderäte Kayfedjian und Görlich am Montag mit einem Antrag zur Überarbeitung des Bebauungsplanes gegangen. Er enthält Punkte wie „Zu große Flächen“ oder eine unzureichende Infrastruktur sowie die Existenzängste und die Frage nach bisher ungeklärten Ausgleichsflächen. Zumal, so Kayfedjian, man gerade in Pandemiezeiten und auch generell den Landwirten dankbar sein müsse und sie unterstützen sollte – doch selbst lokales Einkaufen wird zur Farce, wenn ein Feld nach dem anderen weichen muss.

 

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